Die verlorene Kraft der Ruhe
Ein Sonntag im Juli, ich lieg bei viel zu hohen Temperaturen halb nackt in meiner Dachgeschosswohnung und würde mir am liebsten die Haut abziehen. Doomscrolle durch Instagram und gefühlt jedes Künstler·innen-Profil prostet in Akkord Bilder von neuen Werken.
Mein innerer Kritiker sieht mich tadelnd an und schnauft mit einer nasalen Stimme: „Lang nichts mehr gepostet …“
Ich ignoriere die Stimme und scrolle weiter.
„Wo bleibt denn dein neues Werk?“, säuselt es mir in den Nacken, während ich sehe, dass Daniel diese Woche vier neue Bilder hochgeladen hat. … Woher nimmt er nur diese Energie …
Die Stimme wird lauter: „Die anderen Künstler·innen bekommen das doch auch hin. Bist du etwa nicht talentiert genug?“
Genervt schmeiß ich mein Phone in das Kissen und zweifle wieder an mir selbst. Danke, Kopfstimme.
So oder so ähnlich geht es mir an miesen Tagen. Ich komme ins Grübeln und ins Zweifeln. Aber hat nun der innere Kritiker recht?Gefühlt sind Künstler·innen auf Social Media angewiesen, nirgends anders erreicht man so viele Menschen mit seinen Bildern. Ein Klick auf „Posten“, erster Like - Dopaminschub. Ein endloser Feed aus talentierten Menschen, Selbstdarstellern oder einfach nur malenden Menschen. Gestylt, optimiert und aktuellen Trends hinterherlaufend, um ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu generieren.
Der Algorithmus ist ungnädig zu den langsamen und ruhigen Profilen. Also duschen, Chaos beseitigen, Kamera vor einer halbwegs gut gestrichenen Wand aufstellen und ein paar Lichterketten drapieren. Etwas mehr zufällig … es soll ja schließlich natürlich wirken.
Ich schnapp mir mein aktuelles Bild und schaue nachdenklich verträumt in die Kamera, nach 10 Sekunden fällt mir auf: Moment, ich halte mein Bild falsch herum. … Langsam drehe ich es um 180 Grad Richtung Kamera und lächel etwas verlegen vor Scham.
So in etwa muss sich der erste Poster dieses verdammten “Halt die Leute hin und präsentiere dann dein Bild - Art Reveal“-Trends gefühlt haben.
Mein innerer Kritiker hockt mir auf der Schulter und schreit mir etwas von „Poste es, das klappt doch auch bei allen anderen“ ins Ohr. Langsam kriecht in mir trotz und Eckel die Beine hoch … Muss ich wirklich jeden Scheiß mitmachen, um irgendwie gesehen zu werden? Können nicht einfach meine Bilder überzeugen?
Mein Finger rutscht hinunter und ich schließe die verdammte App. Der Kritiker meckert noch eine Weile, aber Selbstachtung und Liebe gewinnen wieder die Oberhand.
Ich bin Künstler, Dinge dürfen Zeit benötigen. Ideen reifen, Vorskizzen brauchen Zeit, Farbschichten müssen trocknen und Pausen sind wichtig, um die Übersicht und Konzentration zu behalten. Es braucht die richtigen Momente und das richtige Gefühl, um weiter zu malen. Und das wird mir sicher nicht der Algorithmus bringen.
Fuck off - ich kann bei gefühlten 40 Grad eh nicht malen, lass die mobile Fessel zu Hause und geh eine Runde in die Prießnitz. Denn es ist absolut ok, nichts zu posten, still zu sein und den Feed einfach sein zu lassen …
Ein schöner Tag und mein Kopf kommt zur Ruhe, mit den Füßen im Wasser. Licht sucht sich den Weg durch das Blätterdach und reflektiert im gurgelnden Nass. Ein neues Bild kitzelt meine Neuronen und ich spaziere langsam nach Hause.
Angekommen wühle ich mein Phone aus dem Kissen - eine Benachrichtigung poppt auf: 30 neue Likes auf deinen letzten Post.
Das Dopamin kickt.


