Die Angst vor dem eigenen Stil

Wenn Ängste und Unsicherheiten den Pinsel übernehmen.

Einigen ist es schon aufgefallen: Ich experimentiere gerade an meinem Zeichenstil herum, da ich vergangenes loslassen möchte.

Nach meiner OP im Juni letzten Jahres hatte ich ein kreatives Tief und konnte lange nicht malen. Während meiner Reha im September 2025 ist noch das Bild vom Schiefen Eck entstanden und danach folgte eine lange Stilleperiode. Nichts ging mehr, Ideen hatte ich zwar noch und habe mir diese auch säuberlich notiert, aber ich bekam keinen Strich mehr auf Papier. Der selbst aufgebaute Druck war zu hoch. Es sollte ein Knaller werden, etwas richtig Tolles, keine Idee war gut genug und ich hatte dadurch einen Heidenrespekt, anzufangen. Andererseits war mein Kopf auch noch voll mit der Verarbeitung des Erlebten und der Genesung beschäftigt.

Als es mir Anfang Juni 2026 körperlich sowie seelisch wieder besser ging, wollte ich es einfach herausschreien und so entstanden vier Bilder, in denen ich versuchte, meine Emotionen zu verarbeiten. Bereits in diesen Motiven war eine kleine Abkehr von meinem gewohnten Stil zu sehen. Ich experimentierte mit mehr Licht und Schatten, entsättigten Farben und versuchte, meine Ölmalerei auf Aquarell zu pressen und dennoch meinem alten Stil treu zu bleiben, denn dieser durfte sich nicht verändern. Die Leute kennen ja meine Bilder, ich hab vor Jahren diesen überbunten melancholischen Hippie-Stil entwickelt und irgendwie muss das wiedererkennbar bleiben, auch wenn ich mich selbst verändert habe. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Freund, als ich bei meinen alten Bildern anfing, Konturen mit Tusche nachzuziehen. Er sagte mir, dass er die alten Bilder schöner fand, die rein mit Aquarellfarben gemalt wurden. Dieses Gespräch prägte mich damals sehr und mein Kopf formte daraus: „OK, deine neuen Bilder sind scheiße.“ Was totaler Quatsch war und aus meinen damaligen Ängsten geformt wurde.

In den letzten Monaten hatte ich wieder sehr viel Angst. Angst zu sterben, Angst zu versagen, Angst, zur Last zu fallen, Angst vor Verlust, Angst, nie wieder malen zu können, Angst davor, wie es weitergeht, und Angst davor, einfach zu leben. Kopfmodus an, Dinge sehen, aber nicht mehr spüren und mit Maske weiter durch den Alltag.

Mit dem Juni kamen die ersten Emotionen zurück, ich konnte wieder weinen und verspürte sehr viel Wut. Ich wollte wieder malen und so entstand das Motiv "undertow“, was einen sehr ehrlichen damaligen Jetzt-Zustand meiner Gedankenwelt zeigt. Mit "between roots“ ging ich auf die Suche, wieder im Gestern weiterzumachen und mit "another point of view“ sowie "ashes & crowns“ verlieh ich meinem Trotz und auch meiner Wut ein wenig Ausdruck. In allen vier Bildern ist dieselbe Frau zu sehen, auch wenn sie erst im letzten Bild wirklich erscheint. Vany, eine gute Freundin, die von Anfang bis jetzt immer da war und mich neben anderen Freunden über die miese Zeit getragen hat. Das Motiv zeigt im Hintergrund, was ich vor vielen Jahren liebte, nicht sichtbar, das NM9 - den Kunstspäti, die Gespräche am Kracht-brunnen, verwachsen hinter Bäumen, versteckt von der Wut auf Dinge, die gerade schieflaufen, und meinem Umgang damit. Nach diesem Motiv kamen abseits der Wut meine Liebe und mein Mut zurück.


Was ist mein Stil, wozu hab ich diesen? Wiedererkennbarkeit - früher melancholisch traurig, dann eine bunte unbeschwerte Hochphase, zurück in die eintönige Unsicherheit meines damaligen Alltags. Wenn ich meine Werke chronologisch ordne, sind diese immer im Fluss. Dennoch versuche ich seit Jahren, nicht von meinem Zeichenstil abzuweichen. Hier und da sieht man ein paar kleine Ausbrüche, doch ich blieb meinem selbst gebauten Käfig treu und bekam meine erwartete Belohnung. Denn ich bin ja bekannt für diese Bilder.

Doch ich hab mich verändert, bin gewachsen, will weiterhin das malen, was ich nun wieder fühlen kann, aber auch in dem Stil, den ich liebe. Detailliert, wimmelig und tief. In den letzten Jahren hatte ich selten Zeit zum Malen und nahm mir diese auch nicht, es blieb kein Platz für ausufernde Motive. Ich hatte weder die Geduld noch die nötige Liebe dazu. Diese Liebe und Farben spüre ich wieder, ich fühle mich wieder wohl in meinem Körper und meine Seele hatte Zeit zu heilen.

Wenn eine Veränderung, warum nicht jetzt, wo ich wieder starte. Ich weiß nicht, wo mich das Ganze hinführen wird, aber es macht unheimlich viel Spaß, endlich neue Herausforderungen beim Malen zu verspüren. Ich kann mich wieder freuen, wenn Dinge funktionieren, die ich noch nie so gemalt habe. Ein Beispiel? Wie zum Geier male ich einen Goldmünzenhaufen mit Aquarellfarben, was ist mit Laub? Wann wird es zu kleinteilig, wie stelle ich wirkliche Nässe dar und was ist eigentlich mit realistischem Lichteinfall durch Bäume? Ich fertige wieder nebenbei kurze Skizzen an, wo ich früher einfach routiniert gemalt habe. Recherchiere nach Problemlösungen und schaue mir wieder die Werke anderer Künstler·innen an und entdecke dabei grandiose Bilder. Die Neugier, die Lust am Experimentieren und auf das Leben sind wieder da und ich liebe einfach alles daran.

Ich male wieder. Und das so, wie ich es fühle und wie ich es auf Papier ausdrücken möchte. Ich bin dankbar für meine Freunde und die Menschen, die mich bei diesem neuen Weg begleiten möchten.


von Thomas Schreiter 8. August 2026
Ein Sonntag im Juli, ich lieg bei viel zu hohen Temperaturen halb nackt in meiner Dachgeschosswohnung und würde mir am liebsten die Haut abziehen. Doomscrolle durch Instagram und gefühlt jedes Künstler·innen-Profil prostet in Akkord Bilder von neuen Werken. Mein innerer Kritiker sieht mich tadelnd an und schnauft mit einer nasalen Stimme: „Lang nichts mehr gepostet …“ Ich ignoriere die Stimme und scrolle weiter. „Wo bleibt denn dein neues Werk?“, säuselt es mir in den Nacken, während ich sehe, dass Daniel diese Woche vier neue Bilder hochgeladen hat. … Woher nimmt er nur diese Energie … Die Stimme wird lauter: „Die anderen Künstler·innen bekommen das doch auch hin. Bist du etwa nicht talentiert genug?“ Genervt schmeiß ich mein Phone in das Kissen und zweifle wieder an mir selbst. Danke, Kopfstimme. So oder so ähnlich geht es mir an miesen Tagen. Ich komme ins Grübeln und ins Zweifeln. Aber hat nun der innere Kritiker recht?Gefühlt sind Künstler·innen auf Social Media angewiesen, nirgends anders erreicht man so viele Menschen mit seinen Bildern. Ein Klick auf „Posten“, erster Like - Dopaminschub. Ein endloser Feed aus talentierten Menschen, Selbstdarstellern oder einfach nur malenden Menschen. Gestylt, optimiert und aktuellen Trends hinterherlaufend, um ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu generieren. Der Algorithmus ist ungnädig zu den langsamen und ruhigen Profilen. Also duschen, Chaos beseitigen, Kamera vor einer halbwegs gut gestrichenen Wand aufstellen und ein paar Lichterketten drapieren. Etwas mehr zufällig … es soll ja schließlich natürlich wirken. Ich schnapp mir mein aktuelles Bild und schaue nachdenklich verträumt in die Kamera, nach 10 Sekunden fällt mir auf: Moment, ich halte mein Bild falsch herum. … Langsam drehe ich es um 180 Grad Richtung Kamera und lächel etwas verlegen vor Scham. So in etwa muss sich der erste Poster dieses verdammten “Halt die Leute hin und präsentiere dann dein Bild - Art Reveal“-Trends gefühlt haben. Mein innerer Kritiker hockt mir auf der Schulter und schreit mir etwas von „Poste es, das klappt doch auch bei allen anderen“ ins Ohr. Langsam kriecht in mir trotz und Eckel die Beine hoch … Muss ich wirklich jeden Scheiß mitmachen, um irgendwie gesehen zu werden? Können nicht einfach meine Bilder überzeugen? Mein Finger rutscht hinunter und ich schließe die verdammte App. Der Kritiker meckert noch eine Weile, aber Selbstachtung und Liebe gewinnen wieder die Oberhand. Ich bin Künstler, Dinge dürfen Zeit benötigen. Ideen reifen, Vorskizzen brauchen Zeit, Farbschichten müssen trocknen und Pausen sind wichtig, um die Übersicht und Konzentration zu behalten. Es braucht die richtigen Momente und das richtige Gefühl, um weiter zu malen. Und das wird mir sicher nicht der Algorithmus bringen. Fuck off - ich kann bei gefühlten 40 Grad eh nicht malen, lass die mobile Fessel zu Hause und geh eine Runde in die Prießnitz. Denn es ist absolut ok, nichts zu posten, still zu sein und den Feed einfach sein zu lassen … Ein schöner Tag und mein Kopf kommt zur Ruhe, mit den Füßen im Wasser. Licht sucht sich den Weg durch das Blätterdach und reflektiert im gurgelnden Nass. Ein neues Bild kitzelt meine Neuronen und ich spaziere langsam nach Hause. Angekommen wühle ich mein Phone aus dem Kissen - eine Benachrichtigung poppt auf: 30 neue Likes auf deinen letzten Post. Das Dopamin kickt.
von Thomas 23. Juli 2026
Ein kleiner Einblick in meine Gedanken zur neuen Webseite